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Paion flattert an die Börse

Kaum drei Wochen ist das Jahr alt, und schon steht der erste Biotech-Börsengang an: Paion wagt sich aufs Parkett. Das Aachener Unternehmen veredelt Fledermaus-Spucke.

(25.01.2005) Ab heute darf gezeichnet werden: Zwischen 25. Januar und 7. Februar will die Aachener Paion AG fünf Millionen Aktien zu 11 bis 14 Euro das Stück unter die Leute bringen. Das entspräche einer Einnahme 55 bis 70 Millionen Euro, mit denen Paion seine Medikamententwicklung forcieren und die Vermarktung seines Hoffnungsträgers Desmoteplase vorbereiten will. Sofern die umworbenen Anleger zugreifen, und davon sollte man nicht ausgehen. Denn Paion ist ein Risiko-Investment erster Güte.

Desmoteplase, was ist denn das?

Kurz gesagt: Es ist ein in Fledermausspucke gefundenes Antigerinnungsmittel - der Desmoteplase-Wirkstoff ist ein Protein, das Blutgerinnsel auflösen kann. Paion hofft, das enge Zeitfenster nach einem Schlaganfall (innerhalb von drei Stunden sollte unbedingt die Erst- bzw. Akutbehandlung beginnen) mit Desmoteplase auf neun Stunden zu verlängern.

Die Konkurrenz ist mit Boehringer Ingelheim und Genentech (Mutter: Roche) übermächtig. Allerdings sind deren Mittel (Activase bzw. Metalyse) - auf dem Papier - Paions Desmoteplase klar unterlegen: Diese müssen spätestens drei Stunden nach dem Schlaganfall verabreicht werden. Andererseits sind Activase und Metalyse längst zugelassen - bei Desmoteplase wird das frühestens 2008 der Fall sein.

Plasminogen-Aktivator in der Kritik

Genentechs Gewebe-Plasminogen-Aktivator (tPA) namens "Activase" bzw. das vergleichbare Boeringer-Produkt "Metalyse" werden im Rahmen der sogenannten "Lyse-Therapie" eingesetzt. tPA kam allerdings vor kurzem böse in die Schlagzeilen: Er steht seitdem in Verdacht, Hirnzellen zu schädigen, da er die Gefäßauskleidung und Hirnzellen angreifen soll (Nature Medicine 10:1295 (2004)).

Falls sich dieses Problem nicht aus der Welt schaffen lässt, wäre - erfolgreiche Studien vorausgesetzt - ein Erfolg für Paions Desmoteplase vorprogrammiert. Zudem das Präparat nun auch den FDA-"Fast-Track-Status" besitzt. Vor einiger Zeit holte sich Paion noch den US-Konzern Forest Laboratories als Entwicklungspartner ins Boot. Forest wird (erfolgsabhängig) etwa 120-170 Millionen Dollar investieren und erhält im Ausgleich dafür die Nordamerikarechte an einem künftigen Medikament.

Ist das schon alles?

Nein, denn mit Enecadin und Solulin möchte Paion gerne mit zwei weiteren Mitteln gegen Thrombosen auf den Markt erfolgreich sein. Die Lizenzrechte (Entwicklung und Vermarktung) an Enecadin haben die Aachener von der japanischen Nippon Shinyaku erworben. Dieses Neuroprotektivum soll Hirnzellen nach einem Schlaganfall vor Sauerstoffmangel schützen sowie deren Energieverbrauch optimieren. Enecadin hat bisher die klinische Phase I überstanden.

Solulin verhindert die Bildung von Blutgerinnseln und soll nach einem ersten Schlaganfall die Entstehung weiterer verhindern. Die Rechte an diesem Thrombose-Hemmer hat Paion von Schering erworben. Warum wollte Schering Solulin nicht selbst weiter entwickeln, sondern verkaufte es einer winzigen Biotechfirma? Dazu war gestern weder von Schering noch von Paion eine klare Aussage zu bekommen.

Paion, was ist das für ein Unternehmen? Gegründet wurde die 55-Mitarbeiter-Firma im Jahr 2000 von den heutigen Vorstandsmitgliedern Mariola und Wolfgang Söhngen. Beide waren vorher beim Pharmaunternehmen Grünenthal (ebenfalls Aachen) beschäftigt. In vier Finanzierungsrunden konnte Paion seitdem 51 Millionen Euro bei Investoren locker machen; weitere 3 Millionen Euro kamen vom Staat. Vor vier Monaten waren davon noch 25 Millionen übrig.

Laut der Bank USB (die am Börsengang beteiligt ist!) würde dieser Cashbestand vollkommen für die Finanzierung der Desmoteplase-Entwicklung ausreichen. Laut gesundem Menschenverstand ist das ziemlicher Käse: Eine durchschnittliche klinische Studie III kostet ein Vielfaches davon.

So genannte Experten sind skeptisch

Was sagen die Experten? Die sehen den Börsengang eher kritisch: Ein Sprecher der Fondgesellschaft Union Investment sagte der Financial Times Deutschland, ihm wären Unternehmen mit solidem Cash-Flow (Zugang an flüssigen Mitteln) lieber: "Unternehmen im Experimentierstadium gehören in die Hände von Venture-Kapitalanlegern." Auch Nordinvest-Experte Markus Barth sieht in der gleichen Zeitung ein gewisses Risiko für einen Fehlstart. Von der FAZ befragte Analysten kritisierten ferner die kurze Pipeline, die aus lediglich einem Präparat in Phase II - Desmoteplase - bestehe.

Am ersten Emissionstag allerdings scheinen einige der Experten flugs ihre Meinung geändert zu haben. Nach der Präsentation des Paion-Managements sprach Rüdiger Weseloh von Sal Oppenheim laut FTD von einer der "spannendsten Biotech-Stories in Deutschland". Man kann nur hoffen, dass das nicht so ist.

Immerhin ist der Markt für derartige Antigerinnungsmittel angeblich 500 bis 700 Millionen Euro groß und Paion noch sehr klein.

Da ist viel, sehr viel Raum für die wildesten Börsenfantasien.

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 25.01.2005