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Studiengebühren mit Aktiengewinnen berappen?

(21.12.2005) Widerstand ist zwecklos - in den nächsten Jahren werden deutsche Studenten saftige Gebühren von 500 und mehr Euro pro Semester berappen müssen. Falls die Börsenkurse weiter so steigen, ist das vielleicht gar nicht so schlimm.

Die Jahresend-Rallye ist eröffnet: Pünktlich zum vorweihnachtlichen Einkaufsrummel schießt der Dax nochmal richtig durch die Decke. Der deutsche Leitindex, der Anfang des Jahres noch unter 4200 Punkten lag, stieg in den vergangenen zwölf Monaten um fast 30 Prozent, und Börsenexperten peilen für Silvester über 5400, für kommenden Januar gar 5500 Punkte an.

Noch wesentlich erfreulicher als der Dax entwickelten sich zuletzt einige Biotech- und Pharma-Einzelwerte. Studenten kommender Jahre und ihre Eltern könnten sich da bemüßigt fühlen, rechtzeitig in geeignete Aktien zu investieren und damit das Studium zu finanzieren. "Großzügig" von diversen Wissenschaftsministern in Aussicht gestellte Studiendarlehen wären dann überflüssig, und die diplomierten Jungakademiker könnten drei oder fünf Jahre später ihre Universitäten ohne Schuldenberg verlassen.

Ob man sich durch geschickte Aktienkäufe binnen kurzer Zeit sein Studium finanzieren (oder sich im schlimmsten Fall ruinieren) könnte, wird im Folgenden beispielhaft mit einigen Kandidaten durchgespielt. Alle vier betrachteten Unternehmen glänzten in den letzten Tagen mit Sensationsmeldungen.

Wir haben vor 79 Tagen, am 3. Oktober 2005, fiktive 5000 Euro in Aktien der jeweiligen Unternehmen investiert. Ziel war es, mit den Kursgewinnen bis Weihnachten 2005 ein gebührenpflichtiges Studiensemester (sprich: 500 Euro) zu erwirtschaften.

Beispiel eins: Mit Epigenomics-Aktien wärs ein Minusgeschäft geworden

Das Biotechunternehmen Epigenomics entwickelt Verfahren und Produkte zur Erkennung und Vorhersage von Krebs, indem die Firma das menschliche Erbgut untersucht. Seit September 2002 arbeiten die Berliner zusammen mit Roche Diagnostics an Tests zur Diagnose von Darm-, Prostata- und Brustkrebs. Der am weitesten fortgeschrittene, ein einfach handhabbarer Bluttest, kann Darmkrebs im Frühstadium nachweisen - zumindest besagt das eine vorgestern veröffentlichte Studie. Epigenomics erhält nun von Lizenznehmer Roche ein Erfolgshonorar - wieviel, bleibt allerdings ein Geheimnis. Der angesprochene Test habe "Krebserkrankungen im frühen Stadium genauso gut erkannt habe wie Krebs im Spätstadium", so die Firma, und ferner "die Krankheit im Darm unabhängig von ihrer Lokalisierung feststellen können".

Dem Aktienkurs hat die Erfolgsmeldung vom 19. Dezember mehr als gut getan: Der Wert eines Epigenomics-Papiers stieg binnen zwei Tagen um knapp 27 Prozent auf 6,6 Euro. Seit Anfang Oktober allerdings verzeichnet Epigenomics noch immer ein dickes Minus: Hätte ein Student (oder seine Eltern) zum Semesterbeginn am 03.10.2005 für 5000 Euro Aktien gekauft, so wären diese am 20. Dezember nur mehr 4070 Euro wert. Denn damals notierten Epigenomics-Papiere noch bei über acht Euro...

Beispiel zwei: Berna Biotechs Übernahme-Spekulationen hätten locker sogar zwei Semester finanziert

Auch ein Schweizer Impfstoffhersteller profitierte zuletzt von Börsenspekulationen: An Berna Biotech soll der Pharmakonzern Novartis höchstpersönlich interessiert sein. Derzeit bereite Novartis eine genaue Firmenprüfung vor, so eine offizielle Meldung, und eine solche bedeutet, dass der Pharmariese Berna Biotech schlucken (und mit ihrer US-Tochter Chiron zusammenlegen) möchte. Die vergleichsweise winzige niederländische Firma Crucell hat Berna allerdings bereits vor längerem ein Angebot gemacht.

Derlei Konkurrenzbegehren belebt ganz klar den Aktienkurs: In den letzten beiden Tagen legte die Berna-Aktie um 15 Prozent auf 9,75 Euro zu. Auch längerfristig wäre der Kauf von Berna-Aktien ein gutes Geschäft gewesen: Zu Semesterbeginn am 3. Oktober noch bei 7,8 Euro notierend, ist der Kurs seitdem um mehr als 25 Prozent gestiegen. Aus 5000 Euro wären bis zum 20. Dezember bereits 6265 Euro geworden - und somit gut zwei Semester finanziell gesichert. Sogar einige Kneipenbesuche wären zusätzlich drin gewesen...

Beispiel drei: Auch mit Schwarz Pharma wäre fast ein Semester drin gewesen

Der niederrheinische Pillenhersteller Schwarz Pharma (gegründet 1946, weltweit 4000 Mitarbeiter) wird laut eigenen Angaben 2005 bei einem Umsatz nahe der Milliardengrenze einen minimalen Gewinn (man spricht von zwei Millionen Euro) machen. Zuletzt hatten erfolgreiche Ergebnisse einer Phase III-Studie zur Wirkung des Parkinsonpflasters Rotigotin den Kurs beflügelt: Die Behandlung von Patienten im fortgeschrittenen Stadium habe "signifikante Verbesserungen" erbracht. 2006 soll die Zulassung vorbereitet werden; Schwarz rechnet für die Zeit danach mit bis zu 350 Millionen Euro zusätzlichem Umsatz pro Jahr.

Vor allem dank der bekanntgegebenen Studienergebnisse stiegen die Papiere des Monheimer Medikamenteherstellers am 20. Dezember auf ein neues Allzeithoch von 52,9 Euro. Hätte man am 3. Oktober für 5000 Euro Schwarz-Pharma-Aktien gekauft, so hätten sich diese bis zum 20. Dezember immerhin um fast 350 Euro vermehrt und somit ein knappes Studiensemester finanziert.

Beispiel vier: Der Kauf von FMC-Aktien im Oktober hätte sich schwer gelohnt

Die graue Maus des Deutschen Aktienindex' (Dax) heißt Fresenius Medical Care (FMC), ein weltweit operierender Dialyse-Dienstleister mit 44.500 Mitarbeitern. Am 20. Dezember wurde bekannt, dass sich FMC gütlich mit Aktionären geeinigt habe, die gegen die Umwandlung von FMC-Vorzugs- in -Stammaktien geklagt hatten. Nun könne ohne verzögernde Rechtsklagen im Januar 2006 mit der geplanten Umwandlung begonnen werden; ferner soll FMC in eine "Kommanditgesellschaft auf Aktien" (KGaA) umgewandelt werden.

Als Konsequenz schossen die FMC-Papiere bis auf 87,5 Euro - den höchsten Stand seit mehr als vier Jahren. Der seit Mitte 2002 wie mit dem Lineal gezogene Kursanstieg der FMC-Aktien hätte aus am 3. Oktober investierten 5000 Euro bis zum 20. Dezember immerhin 5754 Euro gemacht. Eineinhalb Semester wären damit ohne Darlehen oder andere garstige Maßnahmen zu überbrücken gewesen.

Fazit: Ein Aktien-Restrisiko bleibt immer - das Sparbuch reicht aber nie und nimmer

79 Tage lang, vom 3. Oktober bis zum 20. Dezember 2005 wurden je 5000 Euro virtuell in die Aktien von vier beliebigen Life-Science-Unternehmen investiert. Im Falle von Epigenomics wären 930 Euro Verlust aufgelaufen, mit Berna Biotech-, Schwarz Pharma- oder FMC-Aktien 350, 754 bzw. 1265 Euro Gewinn. Jeder, der mit dem Gedanken spielt, sein Studium über Aktienkäufe zu finanzieren, sollte sich die Entscheidung für diese riskante Anlageform also nicht zu leicht machen.

Eine andere denkbare Alternative namens "Sparbuchzinsen" allerdings scheidet aus, sofern man am Ende seines Studiums nicht mit einem Berg Schulden dastehen will: Ein Sparbuchguthaben von 5000 Euro wirft bei einer Verzinsung von 1,5 % jährlich im oben betrachteten Zeitraum (79 Tage) nur 16 Euro ab...

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 21.12.2005