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Forschung gut, Management mangelhaft

Kürzlich präsentierte Ferdinand Hucho, Biochemie-Professor an der FU Berlin, mit zehn Kollegen den ersten deutschen "Gentechnologiebericht - Analyse einer Hochtechnologie". Laborjournal sprach mit ihm.

(12.10.2005) Es sei eigentlich immer "zu früh, die Geschichte der Wissenschaft zu schreiben. Denn schon der nächste Umbruch lässt die vorausgehenden Etappen in einem neuen Licht erscheinen", heißt es in dem Statusbericht. Dennoch investierten die Forscher, gefördert von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), dazu viel Arbeit und Mühen. Das Resultat ist ein 580 Seiten-Wälzer über Genomforschung, molekulargenetische Diagnostik, grüne Gentechnik und Biotech-Industrie in Deutschland. LJ: Herr Hucho, warum haben sie und ihre Kollegen sich diese Mühen gemacht?

Hucho: Die Idee dazu hatte ich schon vor langer Zeit, als die erste Welle der Gentherapie scheiterte und die Gentherapeuten zurück an die Bench gingen, um ihre Hausaufgaben zu machen. Damals schäumte die Diskussion über die Risiken dieser Therapie in Deutschland regelrecht über. Dabei wurden wissenschaftliche Daten und Fakten weitgehend außen vor gelassen. Was ich obendrein nicht verstanden habe war die Emotionalität, mit die Diskussion hier geführt wurde, obwohl es in Deutschland kaum gentherapeutische Versuche gab.

Sie schreiben dazu im Vorwort: "Wieder einmal waren die Betroffenen und die breite Öffentlichkeit von ­der Wissenschaft' enttäuscht, wenn nicht gar betrogen worden."

Hucho: Man hatte sich so viel von der Gentherapie erwartet. Statt dessen wurde sie erst einmal eingemottet. Zu diesem Zeitpunkt kam mir der Gedanke, dass man wissenschaftlich untersuchen müsste, was es an Gentechnik in Deutschland wirklich gibt, was sie derzeit leistet.

Der Report ist also eine Meta-Analyse der Gentechnik?

Hucho: Genau. Wir haben mit einem interdisziplinären Team Indikatoren, also Kenngrößen, ausgewählt, mit denen wir wissenschaftliche Statements wissenschaftlich quantifizieren können.

Fazit der Analyse ist: Deutschland steht in der Gentechnik nicht schlecht da. Das überrascht, denn allenthalben warnen doch hiesige Forscher, dass Deutschland den Gentech-Zug verpasse.

Hucho: Das muss man differenziert sehen. Manche Bereiche konnten wir sehr positiv bewerten, etwa die genomische Grundlagenforschung. In anderen Bereichen gibt es dagegen erheblichen Handlungsbedarf, ganz besonders in der grünen Gentechnik, die wird total blockiert. Da haben Politik und Gesellschaft völlig überreagiert.

Glauben Sie, daran ändert sich bald etwas? Oder würden Sie den Forschern, die mit gentechnisch veränderten Pflanzen, raten auszuwandern?

Hucho: Ich würde ihnen sogar raten, jetzt zu bleiben, denn ich glaube, wir werden bald eine Novelle des Gentechnikgesetzes sehen. Ebenso erwarte ich übrigens auch eine Novelle des Gesetzes zur Stammzellforschung.

Das Thema Stammzellen ist ein wirklich heißes Eisen. Umso erstaunlicher, dass sie die Stammzellforschung in ihrer Abhandlung überhaupt nicht berücksichtigt haben.

Hucho: Leider hat die Zeit dafür nicht mehr gereicht. Aber bald, hoffentlich noch in diesem Jahr, werden wir ein Supplement zur Stammzellforschung nachreichen, das wir gerade unter der Federführung von Frau Wobus anfertigen.

Dafür haben Sie die Biotech-Szene unter die Lupe genommen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass viele Start-ups pleite gehen, weil ihre Besitzer oder Firmengründer ökonomische Laien sind.

Hucho: Stimmt. Wir haben festgestellt, dass viele Biologen die ökonomische Seite ihrer Unternehmen leider völlig mangelhaft managen. Das muss sich dringend ändern. Junge Unternehmer müssen sich fortbilden und es müssen auch verstärkt erfahrene Business Angels zum Einsatz kommen.

Nicht selten mutieren ja auch Biologie-Professoren zu Unternehmern.

Hucho: Dass Professoren sich umfassend an der Gründung und Führung von Unternehmen beteiligen, ist keine gute Idee. Ich halte es mit dem Sprichwort: Schuster bleib bei deinen Leisten. Ein Professor an der Universität soll lehren und forschen und nicht Stunden um Stunden in den Büros von Notaren, Banken und Steuerberatern verbringen. Viele angehende Unternehmer aus der Universität scheinen aber zu glauben, eine kleine Firma zu gründen, die sich mit wissenschaftlich vielleicht eher anspruchslosen Dingen beschäftigt, könnte man nebenbei machen. Das stimmt aber nicht! Das ist auf jeden Fall die verkehrte Interpretation der berechtigten Forderung, dass Grundlagenforschung und anwendungsorientierte Forschung stärker verknüpft werden soll.

Wie lautet denn ihre Alternative?

Hucho: Ich denke, um Forschungsergebnisse in die Anwendung zu bringen, ist die Wirtschaft gefragt. Die Industrie muss den unternehmerischen Part übernehmen. Die Forscher sollten die Wissenschaft machen, die Industrie sich um die Vermarktung kümmern. Dazu müssen Forscher und Industrie natürlich Verträge machen - und das ist oft nicht ganz einfach. Dennoch: Mit guten Verträgen funktioniert eine solche Kooperation, wie wir bei den BMBF-Leitprojekten sahen, die Herr Rüttgers aus der Taufe gehoben hat. Meine Arbeitsgruppe war auch an einem solchen Projekt beteiligt, das war eine phantastische Zusammenarbeit. Das ist meiner Meinung nach der richtige Weg.

Handlungsbedarf sehen sie auch bei der Ausbildung der Biologen. Sie fordern dass Biologie-Studenten mehr über die sozialen und ethischen Dimensionen ihres Tuns erfahren und diskutieren müssen.

Hucho: Dieser Aspekt kommt tatsächlich in der Ausbildung fast gar nicht vor und auch in der Forschung wird er nicht ausreichend gewürdigt. Ethische Diskussionen finden meist nur in der so genannten "Begleitforschung" statt. Dabei müssen doch die Wissenschaftler selber über ihr Handeln nachdenken und urteilen. Beispielhaft demonstriert das Großbritannien: In den letzten Jahren wurden dort drei universitäre "Centers for Genomics in Society" gegründet. In Deutschland sollte die Diskussion um ethische und gesellschaftliche Fragestellungen, welche die moderne Gentechnik aufwirft, unbedingt in das Curriculum aufgenommen werden.

Sie bemängeln auch, dass die universitäre Forschung erheblich kränkelt.

Hucho: Wir sehen mit Sorge, dass Universitäten in bestimmten Bereichen der Forschung völlig abgehängt werden, weil ihnen die finanziellen Mittel fehlen. Das führt dazu, dass Schlüsselthemen wie beispielsweise die High Throughput Technologien in den Universitäten komplett fehlen. Das muss sich dringend ändern.

Wie geht es weiter mit den Gentechnik-Report?

Hucho: Wir wollen wie schon gesagt Supplements schreiben. Dafür suchen wir aber jetzt nach neuer Förderung. Bisher hat uns die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften finanziert. Diese Unterstützung endet bald und wir müssen uns nun nach neuem Geld umsehen.

Das Gespräch führte Karin Hollricher



Letzte Änderungen: 12.10.2005