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Auffällige Gemeinsamkeiten

(12.02.2018) Neurowissenschaftler Michael Sinnreich von der Universität Basel musste kürzlich vier Publikationen zurückziehen. In allen wurden Daten manipuliert.
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(12.02.2018) Wieder einmal sahen die Augen von PubPeer-Lesern schärfer als die von diversen Journal-Editoren. Kurz nach Veröffentlichung des Papers „Proteasome inhibitors increase missense mutated dysferlin in patients with muscular dystrophy“ im August 2014 in Science Translation Medicine häuften sich Kommentare auf der Post-Publication-Plattform, dass mit den Western Blot-Abbildungen in der Publikation etwas nicht stimmen kann. Kritisiert wird vor allem eine auffällige Ähnlichkeit zweier unabhängiger Banden eines Blots (mit exakt den selben „Verunreinigungen“).

Das Paper der Gruppe von Michael Sinnreich von der Universität Basel beschreibt einen neuartigen Therapieansatz bei angeborener Muskelschwäche (Muskeldystrophie). Die Forscher behandelten drei Patienten mit einem Proteasom-Inhibitor und konnten so (vermeintlich) den Abbau mutierter, aber funktionsfähiger Dysferlin-Proteine verhindern.

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There‘s more…

Auch Sinnreich meldete sich auf PubPeer zu Wort und postete den Originalblot, allerdings in einer so geringen Auflösung, dass er keinen der „Peers“ wirklich überzeugte. Im Gegenteil. „(…) there's more where this came from...“ schrieb einer von ihnen und öffnete gleich drei weitere PubPeer-Diskussionsforen zu Sinnreich-Publikationen: zu einem 2011er Paper in PLoS ONE und zwei Veröffentlichungen im Journal of Biological Chemistry, beide von 2012 (hier und hier).

Auch hier gab es Ungereimtheiten bei den Western Blot-Abbildungen. Es scheint so, als ob die selben Banden zur Illustration von völlig verschiedenen Experimenten herhalten mussten (eine kleine „Luftblase“ ist stummer Zeuge in der PLoS-Publikation). Es wurden Banden ausgeschnitten, gedreht, Helligkeit/Kontrast verändert und dann an anderer Stelle wieder eingefügt. Und das, bei genauem Hinsehen, ziemlich offensichtlich.

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Vollständige Aufklärung

Überwältigt von der Masse an eindeutigem Beweismaterial tat Sinnreich nun das einzig Richtige. Er informierte die betroffenen Journals und seine Universität, die unverzüglich eine Untersuchung einleitete. Auf PubPeer schrieb er: „Ich bin sehr daran interessiert, jeden erdenklichen Fehler und jedes Fehlverhalten vollständig aufzuklären.“ Am Ende dieser Aufklärungskampagne stehen vier zurückgezogene Veröffentlichungen – alle aufgrund von Datenmanipulation. Die letzte Retraction erfolgte Ende Januar in PLoS One.

„Die vier Retractions aus der Forschungsgruppe von Prof. Sinnreich wurden mit dem Wissen und in Absprache mit der Leitung der Universität Basel durchgeführt. Diese Vorgehensweise folgte einer Untersuchung, nachdem Prof. Sinnreich Bedenken hinsichtlich der Daten in den Publikationen geäußert hatte. Die Universität hat Prof. Sinnreich bei seiner Entscheidung, die Publikationen zurückzuziehen, unterstützt. Die Untersuchung ist abgeschlossen und der Untersuchungsbericht ist vertraulich“, lässt die Universität Basel Laborjournal wissen.

Alles vertraulich

Wer also nun für die manipulierten Daten und vier zurückgezogenen Publikationen verantwortlich ist, bleibt „vertraulich“. Neben Sinnreich sind nur zwei Autoren auf allen vier Publikationen identisch: Sabrina Di Fulvio, die nicht mehr als Gruppenmitglied auf Sinnreichs Webseite gelistet wird, und Balil Azakir, der seit September 2014 an der Beirut Arab University im Libanon forscht.

2012 titelte die Universität Basel: „Neuer Forschungsansatz gibt Menschen mit Muskelschwund Hoffnung“. Bei vier nun ungültigen Studien schwindet womöglich die Hoffnung auf baldige Heilung ebenso schnell wie die Muskeln der betroffenen Patienten.

Kathleen Gransalke



Letzte Änderungen: 12.02.2018