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Hypothese, Theorie - oder was?

An der Uni Erlangen kämpft die Disziplin der Wissenschaftstheorie um eine erträgliche Existenz. Nur ein Symptom für den schweren Stand, den die "Wissenschaft von der Wissenschaft" insgesamt an deutschen Universitäten hat.

(01.06.2005) Wie nennt man einen Wissenschaftler, der die Wissenschaft erforscht? Beim heiteren Beruferaten hätte Rudolf Kötters Job wohl keine Chance. Selbst nach einer Tätigkeitsbeschreibung wären die meisten nicht schlauer. Nur Eingeweihte wissen: Meta-Wissenschaftler wie Kötter nennen sich Wissenschaftstheoretiker und gehören zu den Philosophen.

Was dem Biologen die Lebewesen und der Soziologin die Gesellschaft, das ist für den Erlanger Wissenschaftstheoretiker Kötter die Wissenschaft selbst. Er weiß: jedes Fach funktioniert ein wenig anders. Unterschiede gibt es dabei nicht nur zwischen Germanistik und Physik, sondern auch innerhalb der Naturwissenschaften. So stellt die Chemie ganz andere Fragen als die Physik oder die Biologie und macht auch andere Experimente.

Die Erkenntnisse der Wissenschaftstheorie sind dabei nicht so trocken wie sich das Fach vielleicht anhört. Im Gegenteil. Sie haben sogar einen praktischen Nutzwert für die "erforschten Forscher". Zwar haben die meisten Wissenschaftler mit den Unterschieden zwischen den Fächern kein Problem. Auf Tagungen spricht der Zellbiologe nur mit anderen Zellbiologen über seine Arbeit und der Atomphysiker tauscht sich nur mit seinen Atomphysiker-Kollegen aus.

Aber auch gestandene Wissenschaftler stoßen plötzlich auf ungeahnte Schwierigkeiten, wenn sie einmal Forschern außerhalb ihres eigenen Gebietes erklären müssen, was sie eigentlich tun. "Denn so exakt die in ihrer Forschung sind, so schlampig sind sie, wenn sie darüber reden sollen.", so Kötter.

Doch woran liegt es, dass es vielen Wissenschaftlern so schwer fällt etwa den Unterschied zwischen Hypothese und Theorie zu erklären? Die Lösung ist so einfach wie verblüffend: Die Forscher lernen das methodische Denken ihrer Wissenschaft gar nicht systematisch in Vorlesungen und Übungen, sondern erst durch Learning-by-Doing im Labor und Nachahmung in der Praxis. Was ein gutes Experiment ist und welche Aussagen es zulässt, das lernen die angehenden Biologen und Physiker also wie der Handwerker im Betrieb - durch gutes Beispiel und durch Kritik des Betreuers in der Diplom- und Doktorarbeit.

Dieses Rein-Sozialisieren in die Forschung produziere keine schlechten Wissenschaftler, betont Kötter, mache sie aber betriebsblind, was die Grundlagen ihrer Wissenschaft angeht. "Viele denken, das Reden über die eigene Forschung hätte nur etwas mit Rhetorik zu tun. Doch das ist ein Irrtum." Das größte Problem sei vielmehr eine saubere Argumentation über Konzepte und Methoden, so dass auch Laien und Fachfremde verstehen wie die Ergebnisse entstehen. Denn was hilft es, etwas richtig zu machen, wenn man es nicht richtig vermitteln kann?

Daher versteht sich Kötter neben seiner Forschung auch als Berater. Etwa bei der Einrichtung eines Graduiertenkollegs in Göttingen. Zusammen mit seinem Kollegen Philipp Balsiger begleitete er auch eine große EU-geförderte Studie zur Wirkung erhöhter Kohlendioxid-Konzentration auf das Wachstum der Bäume. Bei dieser Studie wurde der Vorwurf laut, eine Reihe von Versuchen seien gar keine "richtigen Experimente", so Kötter "Diesen Vorwurf kann nur parieren, wer weiß, dass die Versuche auch gar nicht als Experiment gedacht waren, sondern als Simulation", erklärt er. "Das ist ein wichtiger Unterschied."

Denn nur wenn das intuitive Wissen der Forscher auch systematisch gelehrt wird, kann er es auch vermitteln. Das war auch der Gründungsgedanke des Instituts für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte (IIWW), an dem Kötter als Akademischer Direktor arbeitet. Es sollte eine Brücke schlagen zwischen der Philosophie und den Naturwissenschaften und schon den Studenten den nötigen Einblick vermitteln. Doch wie so vieles steht das Institut in der aktuellen Spardiskussion auf der Abschussliste der Universitätsleitung.

Zum Teil ist es gerade die interdisziplinäre Stellung zwischen den Fächern, die dem Institut zum Verhängnis wird. Denn die Seminare und Veranstaltungen des IIWW sind für beide Seiten ein Zusatzangebot - für die angehenden Naturwissenschaftler genauso wie für die Philosophie-Studenten. Dass kein Studiengang zwingend auf seine Lehre angewiesen ist, macht das Institut zu einer leichten Beute für den Rotstift.

Als noch fataler erweist sich aber der unglückliche Zufall, dass 1996 beide Professoren gleichzeitig das Institut verließen und Lehrstühle in anderen Städten annahmen. Nach jahrelangen, internen Querelen, die die schnelle Wiederbesetzung der verwaisten Professorensessel verhinderten, werden die Stellen jetzt wohl gestrichen.

Doch Rudolf Kötter gab die Hoffnung nicht auf. Und machte den Vorschlag, das IIWW in ein Interdisziplinäres Zentrum umzuwandeln. Dadurch verlöre es zwar Personalstellen und seine Institutsstruktur - aber zumindest würde es weitergehen für die Wissenschaftstheorie in Erlangen.

Und immerhin: Hochschulleitung und Hochschulrat haben dem Konzept inzwischen zugestimmt, mehrere Professoren wollen es mittragen. Kommt nichts Negatives mehr dazwischen, soll zum Wintersemester das "Zentralinstitut für Wissenschaftskommunikation und angewandte Ethik" starten.

Womit es künftig in Erlangen wohl immer noch mehr "Wissenschaft von der Wissenschaft" geben wird als an vielen anderen deutschen Universitäten.

Brynja Adam-Radmanic



Letzte Änderungen: 01.06.2005